Realität contra Fantasie

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Eine der größten Fragen in der Geschichte der Kunst und vor allem der Literatur ist wohl, ob jetzt die Realität, d.h. die Kenntnis der Welt, des Lebens und der Leute sowie die Fähigkeit, dies alles zu schildern und möglichst originalgetreu zu kopieren, oder die Fantasie eine größere Rolle beim Erschaffen eines Kunstwerks spielt. Auf was kommt es eher an? Was ist wichtiger?

Meiner Meinung nach ist es letzten Endes die Realität. Sogar ein Genie wie Michael Ende, der Mensch mit der wohl größten Fantasie seit langer Zeit, hat seine Welt nicht vollkommen neu erfunden, sondern hat irgendwo immer auf die reale Welt oder zumindest auf ihre realen Mythen zurückgegriffen. (Unter einem realen Mythos verstehe ich hier nicht einen Mythos, der die Wahrheit sagt, sondern einfach, dass er in unserer Realität so erzählt wird. Weiter nichts.) Deswegen meine ich: Weil alle unsere Fantasien auf der Realität aufbauen, ist es am besten, diese Realität möglichst gut kennenzulernen, bevor man einfach nur sagt: "Die Wirklichkeit ist langweilig." Es gibt genug Themen in der Welt, an denen man mit seiner Fantasie weiter arbeiten kann.

Worauf kommt es nun dabei an? Das 2. Gebot aus der Bibel sagt: "Du sollst dir kein Bild machen, weder von dem, was oben, noch von dem, das unten ist." Nun, bekanntlich wurde dieses Gebot aber wegen der Proteste der Maler und Bildhauer aus der Bibel verbannt. ;-) (Ephraim Kishon) Darauf kommt es nicht an. Eher schon auf etwas anderes: Realitätsgetreue Abbildung kann noch so weit getrieben werden, aber ist doch nie perfekt. Zumindest habe ich beim Schreiben manchmal das miese Gefühl, dass ich mit der Natur einfach nicht mithalten kann. Ein Kunstwerk hat nie so viele Einzelheiten wie die Natur, und wenn man noch so viel daran arbeitet. Vielleicht war ja das 2. Gebot so gedacht, den Künstlern zu sagen, dass ihre Arbeit überflüssig ist und sie sich nicht damit abplagen sollen, weil eben niemand ein perfektes Bild von der Welt schaffen kann, egal ob von etwas, das oben oder unten ist.
Soll man deswegen nun aufgeben, Kunst zu schaffen und das 2. Gebot indirekt doch befolgen? Nicht notwendigerweise. Der entscheidende Punkt besteht darin:
Es geht in der Kunst nicht unbedingt um Dramatisierung, aber auf jeden Fall um Konzentrierung aufs Wesentliche. Die Aufgabe der Künstler besteht darin, den entscheidenden Inhalt herauszustellen, ihn aus dem Überflüssigen heraus zu filtern, und sich ganz auf das Notwendigste zu beschränken. Um es so zu sagen: Wenn die echte Welt Saft ist, ist die Kunst Sirup - beides aus dem gleichen Material, aber im zweiten Fall stark verdichtet. Das sollte die Arbeit eines Künstlers ganz gut beschreiben: Ein Stück Welt nehmen, und es interessant für die Leute aufarbeiten, und dabei möglichst 90% (oder mehr) des Inhalts auf 10% (besser noch weniger) des ursprünglichen Platzes unterzubringen.

Also, macht auch in Zukunft weiter Sirup, aber schüttet nicht zuviel Zucker rein, und auch möglichst wenig Chemikalien. Das ist Panscherei. Kunstpanscherei sozusagen. ;-)

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